Weltweit immer weniger aktive Segelflieger

Dieser Artikel von unserem Mitglied Hans Reis erschien auf NZZ E-Paper am 30. Mai 2013

Überdurchschnittliches Nachlassen des Interesses in der Schweiz

Der seit Jahren zu beobachtende starke Rückgang der Zahl aktiver Segelflieger weltweit und insbesondere in der Schweiz hat mannigfache Ursachen. Das veränderte Freizeitverhalten junger Menschen ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Grund.

Hans Reis

Wer sich als aktiver Segelflieger auf Segelflugplätzen im In- und Ausland aufhält, beobachtet eine wachsende Zahl «ergrauter» Piloten und hört von diesem oder jenem, der altersbedingt aufgehört habe. Dabei zeigt ein Blick in die internationale und nationale Piloten-Statistik, dass die Abgänge nicht durch Jüngere kompensiert werden.

Im vom Neuseeländer John Roake zusammengestellten World Membership Report werden 41 Nationen aufgeführt. Ende 2000 waren gemäss dieser Statistik 129 390 aktive Segelflieger registriert. Ende 2011 waren es noch 111 533, was einer Abnahme von 13,8 Prozent entspricht.

Für die Schweiz ergibt sich eine Abnahme um 18 Prozent, also deutlich mehr als beim Durchschnitt der 41 Staaten. Noch akzentuierter präsentiert sich hier die Situation, wenn man die Entwicklung ab 1996 (bis 2011) vergleicht, ausgehend von der Statistik des Aeroclubs der Schweiz (AeCS). Diese weicht von jener Roakes leicht ab und zeigt vor allem in den letzten Jahren einen noch stärkeren Rückgang.

Verändertes Freizeitverhalten

Danach waren Ende 2011 nur noch 2324 brevetierte Segelflugpiloten registriert, was einer Abnahme um rund 1000 Piloten oder 30 Prozent in fünfzehn Jahren entspricht. Parallel dazu ging auch die Zahl der immatrikulierten Segelflugzeuge von 1080 auf 794 zurück (-286) und wurde nur zu einem kleinen Teil durch eine Zunahme der Motorsegler ( 52) kompensiert. Über die Gründe dieses Rückgangs gibt es weder bei der Fédération Aéronautique Internationale (FAI), dem Welt-Luftsportverband mit Sitz in Lausanne, noch beim AeCS repräsentative Befragungen. Man ist also auf Beobachtungen und Aussagen langjähriger Kenner der Szene angewiesen. Ein häufig genannter Grund für diese Entwicklung – gerade in westlichen Industrieländern – ist das gesellschaftlich bedingte veränderte Freizeitverhalten junger Menschen. Dabei dürfte es die abnehmende Bereitschaft sein, sich an einem Flugtag auch als Helfer in mannigfacher Weise zu betätigen. Man möchte vielmehr auf den Flugplatz kommen, «Fun» haben und gleichentags noch weiteren Aktivitäten nachgehen.

Zweifellos spielt auch das vielfältigere Freizeitangebot eine Rolle. Oft wurde hierzulande die Konkurrenz durch das Gleitschirmfliegen genannt, ist diese Sportart dank der zahlreichen Berge doch recht populär. Das mag in den etwas weiter zurückliegenden Jahren, als diese Sportart einen wahren Boom erlebte, ein Grund gewesen sein. Beobachter sind aber überzeugt, dass das heute weniger zutrifft.

Ein weiterer Grund für die hiesige Entwicklung ist die Ablösung der Fliegerischen Vorschulung (FVS) durch die Fliegerische Abklärung Sphair in der Verantwortung der Luftwaffe vor rund zehn Jahren. Bis zu jenem Zeitpunkt erhielten in der FVS jährlich mehrere hundert junge Frauen und Männer auf Motor- oder Segelflug eine Basisausbildung. Viele Absolventen der Segelflugkurse blieben dem Segelflug treu, auch wenn sich der Traum vom Beruf im Cockpit nicht erfüllte. Mit Sphair wurde die Segelflugausbildung aufgegeben; die Talentabklärung wird mithilfe von Computerprogrammen und eines Flugprogramms mit Motorflugzeugen vorgenommen. Damit ist für den Segelflug ein wichtiges Reservoir für die Nachwuchsgewinnung verloren gegangen.

Für die Schweiz werden zudem unisono die gestiegenen Anforderungen für den Erwerb der Segelfluglizenz, die damit verbundenen Mehrkosten und der zeitliche Mehraufwand genannt. Dazu kommen die zunehmenden Regulierungen und Einschränkungen. Böse Zungen sprechen von einem «Pilotenfernhalteprogramm». Erwähnt werden etwa die vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) mit der neuen Gebührenverordnung von 2008 vorgeschriebene jährliche statt zweijährliche Prüfung der Segelflugzeuge, welche von der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) verlangt wird – verbunden mit höheren Kosten. Auch die Tatsache, dass sich Segelflugpiloten ab 60 Jahren neu regelmässig vom Fliegerarzt beurteilen lassen müssen, hat nach der Einführung 2008 den Rückgang der Pilotenzahl vermutlich beschleunigt.

Verknappung des Luftraums

Bei den Einschränkungen wird auf den für Segelflieger immer knapper werdenden Luftraum hingewiesen. Nebst einzelnen lokalen Gebieten, welche für den Segelflug nur noch eingeschränkt benützbar sind, ist in der Schweiz die Tendenz besonders kritisch, für alle Anflüge nach Instrumentenflugregeln kontrollierte Lufträume zu schaffen. Mit Besorgnis blicken die Segelflieger deshalb auf die Entwicklung der An- und Abflugverfahren in Zürich und Bern.

Internationale und nationale Gremien wie der Segelflugverband der Schweiz (SFVS) als Dachorganisation oder die lokalen Segelfluggruppen haben diese Entwicklung schon in den 1990er Jahren erkannt. Entsprechend lassen sich auf den drei Ebenen Massnahmen erkennen: International hat die European Gliding Union (EGU) auf Antrag der Briten und der Nordländer eine Kommission beschlossen, um Möglichkeiten einer verbesserten Nachwuchsgewinnung zu erarbeiten. Auf nationaler Ebene ist vor allem das Jugendlager des AeCS zu nennen, welches bereits 30-mal durchgeführt und von rund 4400 Jugendlichen besucht wurde. Weiter die Breitenförderungskurse des SFVS, die Gratisabgabe von Theorieunterlagen des SFVS im Internet (www.segelflug.ch), dazu die spezielle personelle und finanzielle Unterstützung der Junioren. Bei den Gruppen und Schulen sind es die verschiedensten Anlässe wie Schnuppertage, Firmenevents, «Fliegerchilbis», Tage der offenen Tür und vieles mehr.

Herbstausflug der Segelflugveteranen

Am Morgen findet zu Hause die berechtigte Diskussion „Regenschutz ja oder nein?“ statt. Meine Frau entscheidet sich für „ja“, ich für „nein“. Wer recht hat? Wir werden sehen. Am Bahnhof Basel SBB treffen wir einige regelmässige Teilnehmer aus der Region. Die Zeit für die Fahrt durch den Jura nach Biel vergeht im Flug.

An der Schiffländte erwartetet uns die MS Rousseau, ein Motorschiff, das in Linz und Innsbruck erbaut wurde und erst seit 3. April 2012 in Betrieb steht. Mit einer Länge von 48 m und einem Fassungsvermögen von 148 gedeckten Plätzen entspricht es gut unseren Bedürfnissen. Nach dem Ablegen geniessen wir eine kleine Rundfahrt im Bieler Seebecken, bevor es Richtung Aare geht. Das Regulierwehr, zugleich Schleuse am Ausfluss des Bielersees bei Port macht uns bewusst, welche grosse Veränderungen im Wasserhaushalt dieser Region im Rahmen der verschiedenen Juragewässerkorrekturen erfolgten.

Manfred Küng, Präsident der Vereinigung der Segelflug-Veteranen (VSV), kann insgesamt 125 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüssen, unter ihnen vor allem Karin und Hans Werner Grosse aus Hamburg, seit mehr als 30 Jahren Mitglieder unserer Vereinigung.

Die einzigartige Aarefahrt ab Biel nach Solothurn entpuppt sich als besonderes Erlebnis. In gemächlicher Fahrt geht es den naturnahen Ufern entlang am historischen Städtchen Büren an der Aare vorbei. Irgendwann ahnt man den Flugplatz Grenchen auf der linken Seite, ebenso die Storchensiedlung Altreu.

Hans Werner Grosse, der am 29. November seinen 90. Geburtstag feiern kann, benützt die Gelegenheit, in seiner unnachahmlich frischen Art aus seinem langen Fliegerleben zu berichten. Eindrücklich vor allem die Schilderung seines denkwürdigen Fluges vom 25. April 1972 von Lübeck nach Biarritz auf ASW 12. Eine ausgeprägte Bisenlage erlaubte es ihm, in elfeinhalb Flugstunden eine Strecke von 1460.8 km zurückzulegen. Bis heute wurde diese Leistung in Europa noch nicht übertroffen. Daneben hat er 50 Weltrekorde und einen Vize-Weltmeistertitel (1970) erflogen. Als immer noch aktiver Segelflieger benützt er heute seine ETA (30.9 m Spannweite), um mit seiner Frau zusammen noch immer weite Überlandflüge zu machen.

Bei herrlichstem Sonnenschein nähern wir uns so Solothurn, der „schönsten Barockstadt der Schweiz“. Allzu schnell hiess es, Abschied zu nehmen. Den Organisatoren der VSV gilt es, den besten Dank für den erlebnisreichen Tag auszusprechen. A propos Regenschutz: Die Optimisten bekamen recht.

Josef Allenspach

Fotos der Pio­nier­jah­re mit Köbi Meis­ser

In unserem Fotoalbum, welches links unter unserem Logo angeklickt werden kann, befinden sich neu 70 interessante Fotos aus den fliegerischen Pionierjahren in Arosa, welche uns Köbi Meisser in verdankenswerter Weise zugänglich gemacht hat. Die Serie kann dort unter der Rubrik „Das Wirken unserer Veteranen“ durch Anklicken geöffnet werden.

Dans notre album de photos, qui se trouve à gauche sous notre logo, une série de 70 images des années pionier de l’aviation à Arosa viennent d’être ajoutés. Cette galérie nous a été mise à disposition par Köbi Meisser et se trouve sous la rubrique „Das Wirken unserer Veteranen“. Merci Köbi!